“Tschüss! Und wünscht mir Glück.” Mit diesen Worten verabschiedet sich mein Kollege und verlässt das Büro. Ein paar Tage voller Ungewissheit und bangem Warten liegen hinter ihm. Der Tag der Entscheidung ist gekommen. Das Ergebnis seiner Untersuchung liegt vor. Ein Ergebnis, das über sein weiteres Leben entscheiden wird. Ein Ergebnis, das letztendlich über Leben und Tod entscheidet.

Noch nie war unsere Medizin so weit wie heute. Der diagnostische und therapeutische Fortschritt ist unaufhaltsam. Ob Labordiagnostik, Gewebs- und Zelldiagnostik, Sonografie, Endoskopie oder Röntgen, nahezu alles kann untersucht und ausgewertet werden. Sogar Gendefekte oder -mutationen werden frühzeitig erkannt und behandelt. Zumindest in den meisten Fällen. Einige Erkrankungen gelten nach wie vor als unheilbar: wie die Autoimmunerkrankung des Vaters meines Kollegen, die ihn nur 60 Jahre alt werden ließ. Die Chancen meines Kollegen Träger desselben Gendefekts zu sein, standen 50:50. Dann die erlösende Nachricht: Der Gen-Defekt wurde nicht vererbt. Mein Kollege ist völlig gesund. Wie wäre sein Leben verlaufen, wenn die Diagnose anders gelautet hätte?

Das Zitat „Wissen ist Macht“ geht auf den englischen Philosophen Francis Bacon (1561-1626) zurück und ist im deutschsprachigen Raum zum geflügelten Wort geworden. Wer sich Wissen aneignet, ist klar im Vorteil, denn er verschafft sich einen Informationsvorsprung. Im Hinblick auf unsere Gesundheit stellt sich aber die Frage: Wollen wir wirklich alles wissen? Welches Wissen ist überflüssig? Wieviel Wissen ist angenehm und wann wird Wissen zur Qual?

Gerade in der Medizin ist Wissen oft eine Gratwanderung. Wieviel und welches Wissen kann dem Patienten zugemutet werden. Welches Wissen würde ihn überfordern? Keine leichte Entscheidung für die Mediziner als auch für die Patienten selbst. In Zeiten von Dr. Google begeben sich Patienten verstärkt selbst auf Informationssuche. Das führt mitunter zur falschen Einschätzung von Krankheitssymptomen und resultiert oftmals in überflüssigen Behandlungen, der sogenannten „Überversorgung“. Aber auch Ärzte verordnen aus Angst im Zweifelsfall lieber zu viele als zu wenige Behandlungen. Bei Rückenschmerzen sofort zum Röntgen und – falls der Befund nichts ergibt – weiter zur Untersuchung in den Kernspintomographen – ein klassisches Beispiel für „Überversorgung“. Dabei gehen die allermeisten Beschwerden auf harmlose Ursachen wie Verspannungen zurück.

Die Umfrage „Klug entscheiden“ der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) hat gezeigt, wie weit verbreitet überflüssige, aber auch unzureichende Diagnostik und Therapien in der ärztlichen Praxis in Deutschland sind. 70% der insgesamt 4181 befragten Mediziner gaben an, mehrmals pro Woche mit Überversorgung konfrontiert zu sein. (Galle, Peter, „Am Geldtropf der Pharmaindustrie“, in: http://www.faz.net/aktuell/wissen/medizin-ernaehrung/das-dilemma-des-medizinischen-fortschritts-13155437.html [21. September 2014], zuletzt geprüft: 28. Dezember 2017, 18:34)
Allerdings wird unser Sicherheitsbedürfnis immer größer und der Ruf nach umfangreichen Untersuchungsmethoden immer lauter. Der ideale Nährboden für die Entstehung der auseinanderklaffenden Schere zwischen medizinischer Unter- bzw. Überversorgung.

„Ich halte eine pränatale Diagnostik, die nur nach der Behinderung sucht, […] eindeutig für eine schädliche Praktik. “ Kirsten Achtelik

Die erste medizinische Diagnostik findet heute bereits vor der Geburt statt, in Form der sogenannten „pränatalen Diagnostik“. Aber auch hier stellt sich die Frage: wie gehe ich anschließend mit dem ermittelten Wissen um? Die Sozialwissenschafterin Kirsten Achtelik spricht im Interview mit kurier.at über die Probleme pränataler Diagnostik. „Ich halte eine pränatale Diagnostik, die nur nach der Behinderung sucht, die nicht therapierbar ist und bei der man nichts machen kann, außer eben diese Abbruchsentscheidung zu treffen, eindeutig für eine schädliche Praktik. Es wird dadurch vermittelt, dass es ist wichtig ist, diese Dinge zu wissen, weil man so ein Kind ja eventuell nicht haben will. […] Man sollte sich damit auseinandersetzen, ob man das wirklich so findet.“ (Mittendorfer, Elisabeth, „Abtreibungen: Wollen wir wirklich alles wissen?“, in: https://kurier.at/leben/selektive-abtreibungen-wollen-wir-wirklich-alles-wissen/228.494.078 [04. November 2016], zuletzt geprüft: 29. Dezember 2017, 09:34)

Gesetzt den Fall, jeder Mensch könnte schon bei seiner Geburt erfahren, wie es um seine Gesundheit steht. Ob er im Laufe seines Lebens Allergien, Adipositas oder Demenz entwickeln wird. Wie würde sich jeder einzelne von uns verhalten, wenn er von Anfang an um seinen Gesundheits-Status Bescheid wüsste? Könnte er sein Leben noch in vollen Zügen genießen?

Die diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten schreiten unaufhaltsam voran. Aber sind die Möglichkeiten tatsächlich auch ein Fortschritt? Nicht alles, was möglich ist, ist auch sinnvoll. Es steht jedem frei, sich darüber ein Urteil zu bilden. Man sollte sich nur einer Sache bewusst sein. Durch ein Zuviel an Informationen kann aus Wissen ganz schnell (Ohn-)Macht werden.